Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Phänomenologie des Geistes

Die Lust und die Notwendigkeit

Das Selbstbewußtsein, welches sich überhaupt die _Realität_ ist, hat seinen Gegenstand an ihm selbst, aber als einen solchen, welchen es nur erst _für sich_ hat, und der noch nicht seiend ist; das _Sein_ steht ihm als eine andere Wirklichkeit, denn die seinige ist, gegenüber; und es geht darauf, durch Vollführung seines Für-sich-seins sich als anderes selbstständiges Wesen anzuschauen. Dieser _erste Zweck_ ist, seiner als einzelnen Wesens in dem andern Selbstbewußtsein bewußt zu werden, oder dies Andre zu sich selbst zu machen; es hat die Gewißheit, daß _an sich_ schon dies Andre es selbst ist.--Insofern es aus der sittlichen Substanz und dem ruhigen Sein des Denkens zu seinem _Für-sich-sein_ sich erhoben, so hat es das Gesetz der Sitte und des Daseins, die Kenntnisse der Beobachtung und die Theorie, als einen grauen eben verschwindenden Schatten hinter sich, denn dies ist vielmehr ein Wissen von einem solchen, dessen Für-sich-sein und Wirklichkeit eine andere als die des Selbstbewußtseins ist. Es ist in es statt des himmlisch scheinenden Geistes der Allgemeinheit des Wissens und Tuns, worin die Empfindung und der Genuß der Einzelnheit schweigt, der Erdgeist gefahren, dem das Sein nur, welches die Wirklichkeit des einzelnen Bewußtseins ist, als die wahre Wirklichkeit gilt.

Es verachtet Verstand und Wissenschaftdes Menschen allerhöchste Gaben--es hat dem Teufel sich ergebenund muß zugrunde gehn.

Es stürzt also ins Leben, und bringt die reine Individualität, in welcher es auftritt, zur Ausführung. Es macht sich weniger sein Glück, als daß es dasselbige unmittelbar nimmt und genießt. Die Schatten von Wissenschaft, Gesetzen und Grundsätzen, die allein zwischen ihm und seiner eignen Wirklichkeit stehen, verschwinden, als ein lebloser Nebel, der es nicht mit der Gewißheit seiner Realität aufnehmen kann; es nimmt sich das Leben, wie eine reife Frucht gepflückt wird, welche ebensosehr selbst entgegen kommt, als sie genommen wird.

Sein Tun ist nur nach einem Momente ein Tun der _Begierde_; es geht nicht auf die Vertilgung des ganzen gegenständlichen Wesens, sondern nur auf die Form seines Andersseins oder seiner Selbstständigkeit, die ein wesenloser Schein ist; denn _an sich_ gilt es ihm für dasselbe Wesen, oder als seine Selbstheit. Das Element, worin die Begierde und ihr Gegenstand gleichgültig gegeneinander und selbstständig bestehen, ist das _lebendige Dasein_; der Genuß der Begierde hebt dies, insofern es ihrem Gegenstande zukommt, auf. Aber hier ist dies Element, welches beiden die abgesonderte Wirklichkeit gibt, vielmehr die Kategorie, ein Sein, das wesentlich ein _vorgestelltes_ ist; es ist daher das _Bewußtsein_ der Selbstständigkeit;--sei es nun das natürliche, oder das zu einem System von Gesetzen ausgebildete Bewußtsein, welches die Individuen jedes für sich erhält. Diese Trennung ist nicht an sich für das Selbstbewußtsein, welches als _seine eigne_ Selbstheit das andre weiß. Es gelangt also zum Genusse der _Lust_, zum Bewußtsein seiner Verwirklichung in einem als selbstständig erscheinenden Bewußtsein, oder zur Anschauung der Einheit beider selbstständigen Selbstbewußtsein. Es erreicht seinen Zweck, erfährt aber eben darin, was die Wahrheit desselben ist. Es begreift sich als _dieses einzelne fürsichseiende_ Wesen, aber die Verwirklichung dieses Zwecks ist selbst das Aufheben desselben, denn es wird sich nicht Gegenstand als _dieses einzelne_, sondern vielmehr als _Einheit_ seiner selbst und des andern Selbstbewußtseins, hiemit als aufgehobnes Einzelnes oder als _Allgemeines_.

Die genossene Lust hat wohl die positive Bedeutung, _sich selbst_ als gegenständliches Selbstbewußtsein geworden zu sein, aber ebensosehr die negative, _sich selbst_ aufgehoben zu haben; und indem es seine Verwirklichung nur in jener Bedeutung begriff, tritt seine Erfahrung als Widerspruch in sein Bewußtsein ein, worin die erreichte Wirklichkeit seiner Einzelnheit sich von dem negativen _Wesen_ vernichtet werden sieht, das wirklichkeitslos jener leer gegenübersteht und doch die verzehrende Macht desselben ist. Dieses Wesen ist nichts anders als der _Begriff_ dessen, was diese Individualität an sich ist. Sie ist aber noch die ärmste Gestalt des sich verwirklichenden Geistes; denn sie ist sich erst die _Abstraktion_ der Vernunft, oder die _Unmittelbarkeit_ der _Einheit_ des _Für-sich-_ und des _An-sich-seins_; ihr Wesen ist also nur die _abstrakte_ Kategorie. Jedoch hat sie nicht mehr die Form des _unmittelbaren, einfachen_ Seins, wie dem beobachtenden Geiste, wo sie das abstrakte _Sein_ oder, als Fremdes gesetzt, die _Dingheit_ überhaupt ist. Hier ist in diese Dingheit das Für-sich-sein und die Vermittlung getreten. Sie tritt daher als _Kreis_ auf, dessen Inhalt die entwickelte reine Beziehung der einfachen Wesenheiten ist. Die erlangte Verwirklichung dieser Individualität besteht daher in nichts anderem, als daß sie diesen Kreis von Abstraktionen aus der Eingeschlossenheit des einfachen Selbstbewußtseins in das Element des _Für-es-seins_ oder der gegenständlichen Ausbreitung herausgeworfen hat. Was dem Selbstbewußtsein also in der genießenden Lust als sein Wesen zum _Gegenstande_ wird, ist die Ausbreitung jener leeren Wesenheiten, der reinen Einheit, des reinen Unterschiedes und ihrer Beziehung; weiter hat der Gegenstand, den die Individualität als ihr _Wesen_ erfährt, keinen Inhalt. Er ist das, was die _Notwendigkeit_ genannt wird; denn die Notwendigkeit, das _Schicksal_ und dergleichen, ist eben dieses, von dem man nicht zu sagen weiß, _was_ es tue, welches seine bestimmten Gesetze und positiver Inhalt seie, weil es der absolute als _Sein_ angeschaute reine Begriff selbst ist, die einfache und leere, aber unaufhaltsame und unstörbare _Beziehung_, deren Werk nur das Nichts der Einzelnheit ist. Sie ist dieser _feste Zusammenhang_, weil das Zusammenhängende die reinen Wesenheiten oder die leeren Abstraktionen sind; Einheit, Unterschied und Beziehung sind Kategorien, deren jede nichts an und für sich, nur in Beziehung auf ihr Gegenteil ist, und die daher nicht auseinanderkommen können. Sie sind durch ihren _Begriff_ aufeinander bezogen, denn sie sind die reinen Begriffe selbst; und diese _absolute Beziehung_ und abstrakte Bewegung macht die Notwendigkeit aus. Die nur einzelne Individualität, die nur erst den reinen Begriff der Vernunft zu ihrem Inhalte hat, statt aus der toten Theorie in das Leben sich gestürzt zu haben, hat sich also vielmehr nur in das Bewußtsein der eignen Leblosigkeit gestürzt, und wird sich nur als die leere und fremde Notwendigkeit, als die _tote_ Wirklichkeit zuteil.

Der Übergang geschieht aus der Form des _Eins_ in die der _Allgemeinheit_, aus einer absoluten Abstraktion in die andere; aus dem Zwecke des reinen _Für-sich-seins_, das die Gemeinschaft mit _Andern_ abgeworfen, in das _reine_ Gegenteil, das dadurch ebenso abstrakte _An-sich-sein_. Dies erscheint hiemit so, daß das Individuum nur zugrunde gegangen, und die absolute Sprödigkeit der Einzelnheit an der ebenso harten, aber kontinuierlichen Wirklichkeit zerstäubt ist.--Indem es als Bewußtsein die Einheit seiner selbst und seines Gegenteils ist, ist dieser Untergang noch für es; sein Zweck und seine Verwirklichung, sowie der Widerspruch dessen, was _ihm_ das Wesen war, und was _an sich_ das Wesen ist;--es erfährt den Doppelsinn, der in dem liegt, was es tat, nämlich sein _Leben_ sich _genommen_ zu haben; es nahm das Leben, aber vielmehr ergriff es damit den Tod.

Dieser _Übergang_ seines lebendigen Seins in die leblose Notwendigkeit erscheint ihm daher als eine Verkehrung, die durch nichts vermittelt ist. Das Vermittelnde müßte das sein, worin beide Seiten eins wären, das Bewußtsein also das eine Moment im andern erkennte, seinen Zweck und Tun in dem Schicksale, und sein Schicksal in seinem Zwecke und Tun, _sein eigenes Wesen_ in dieser _Notwendigkeit_. Aber diese Einheit ist für dies Bewußtsein eben die Lust selbst, oder das _einfache, einzelne_ Gefühl, und der Übergang von dem Momente dieses seines Zwecks in das Moment seines wahren Wesens für es ein reiner Sprung in das Entgegengesetzte; denn diese Momente sind nicht im Gefühle enthalten und verknüpft, sondern nur im reinen Selbst, das ein Allgemeines oder das Denken ist. Das Bewußtsein ist sich daher durch seine Erfahrung, worin ihm seine Wahrheit werden sollte, vielmehr ein Rätsel geworden, die Folgen seiner Taten sind ihm nicht seine Taten selbst; was ihm widerfährt, _für es_ nicht die Erfahrung dessen, was es _an sich_ ist; der Übergang nicht eine bloße Formänderung desselben Inhalts und Wesens, einmal vorgestellt als Inhalt und Wesen des Bewußtseins, das anderemal als Gegenstand oder _angeschautes_ Wesen seiner selbst. Die _abstrakte Notwendigkeit_ gilt also für die nur negative, unbegriffene _Macht der Allgemeinheit_, an welcher die Individualität zerschmettert wird.

Bis hieher geht die Erscheinung dieser Gestalt des Selbstbewußtseins; das letzte Moment ihrer Existenz ist der Gedanke ihres Verlusts in der Notwendigkeit, oder der Gedanke ihrer selbst als eines sich absolut _fremden_ Wesens. Das Selbstbewußtsein _an sich_ hat aber diesen Verlust überlebt; denn diese Notwendigkeit oder reine Allgemeinheit ist _sein eignes_ Wesen. Diese Reflexion des Bewußtseins in sich, die Notwendigkeit als _sich_ zu wissen, ist eine neue Gestalt desselben.