Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Phänomenologie des Geistes

Das Lichtwesen

Der Geist, als das _Wesen_, welches _Selbstbewußtsein_ ist--oder das selbstbewußte Wesen, welches alle Wahrheit ist und alle Wirklichkeit als sich selbst weiß--, ist gegen die Realität, die er in der Bewegung seines Bewußtseins sich gibt, nur erst _sein Begriff_, und dieser Begriff ist gegen den Tag dieser Entfaltung die Nacht seines Wesens, gegen das Dasein seiner Momente als selbstständiger Gestalten das schöpferische Geheimnis seiner Geburt. Dies Geheimnis hat in sich selbst seine Offenbarung; denn das Dasein hat in diesem Begriffe seine Notwendigkeit, weil er der sich wissende Geist ist, also in seinem Wesen das Moment hat, Bewußtsein zu sein und sich gegenständlich vorzustellen.--Es ist das reine Ich, das in seiner Entäußerung, in sich als _allgemeinem Gegenstande_ die Gewißheit seiner selbst hat, oder dieser Gegenstand ist für es die Durchdringung alles Denkens und aller Wirklichkeit.

In der unmittelbaren ersten Entzweiung des sich wissenden absoluten Geistes hat seine Gestalt diejenige Bestimmung, welche dem _unmittelbaren Bewußtsein_ oder der _sinnlichen_ Gewißheit zukommt. Er schaut sich in der Form des _Seins_ an, jedoch nicht des geistlosen mit zufälligen Bestimmungen der Empfindung erfüllten _Seins_, das der sinnlichen Gewißheit angehört, sondern es ist das mit dem Geiste erfüllte Sein. Es schließt ebenso die Form in sich, welche an dem unmittelbaren _Selbstbewußtsein_ vorkam, die Form des _Herrn_ gegen das von seinem Gegenstande zurücktretende Selbstbewußtsein des Geistes.--Dies mit dem Begriffe des Geistes erfüllte _Sein_ ist also die _Gestalt_ der _einfachen_ Beziehung des Geistes auf sich selbst, oder die Gestalt der Gestaltlosigkeit. Sie ist vermöge dieser Bestimmung das reine, alles enthaltende und erfüllende _Lichtwesen_ des Aufgangs, das sich in seiner formlosen Substantialität erhält. Sein Anderssein ist das ebenso einfache Negative, die _Finsternis_; die Bewegungen seiner eignen Entäußerung, seine Schöpfungen in dem widerstandslosen Elemente seines Andersseins sind Lichtgüsse, sie sind in ihrer Einfachheit zugleich sein Für-sich-werden und Rückkehr aus seinem Dasein, die Gestaltung verzehrende Feuerströme. Der Unterschied, den es sich gibt, wuchert zwar in der Substanz des Daseins fort und gestaltet sich zu den Formen der Natur; aber die wesentliche Einfachheit seines Denkens schweift bestandlos und unverständig in ihnen umher, erweitert ihre Grenzen zum Maßlosen, und löst ihre zur Pracht gesteigerte Schönheit in ihrer Erhabenheit auf.

Der Inhalt, den dies reine Sein entwickelt, oder sein Wahrnehmen ist daher ein wesenloses Beiherspielen an dieser Substanz, die nur _aufgeht_, ohne in sich _niederzugehen_, Subjekt zu werden und durch das Selbst ihre Unterschiede zu befestigen. Ihre Bestimmungen sind nur Attribute, die nicht zur Selbstständigkeit gedeihen, sondern nur Namen des vielnamigen Einen bleiben. Dieses ist mit den mannigfachen Kräften des Daseins und den Gestalten der Wirklichkeit als mit einem selbstlosen Schmucke angekleidet; sie sind nur eignen Willens entbehrende Boten seiner Macht, Anschauungen seiner Herrlichkeit und Stimmen seines Preises.

Dies taumelnde Leben aber muß sich zum _Für-sich-sein_ bestimmen und seinen verschwindenden Gestalten Bestehen geben. Das _unmittelbare Sein_, in welchem es sich seinem Bewußtsein gegenüberstellt, ist selbst die _negative_ Macht, die seine Unterschiede auflöst. Es ist also in Wahrheit das _Selbst_; und der Geist geht darum dazu über, sich in der Form des Selbsts zu wissen. Das reine Licht wirft seine Einfachheit als eine Unendlichkeit von Formen auseinander und gibt sich dem Für-sich-sein zum Opfer dar, daß das Einzelne das Bestehen an seiner Substanz sich nehme.