Die Heldin meiner ersten Geschichte ist eine berühmte Tragödin. "Ist sie schön?" höre ich Sie fragen, und es fällt mir nicht ein, über diese Frage zu lächeln; sie ist ebenso berechtigt als weiblich. Im Frauenkatechismus ist diese Frage die erste, die wichtigste; die nächste lautet: "Wie ist sie angezogen?"
Also, ich will versuchen, Ihnen mit der Feder ihr Bild zu malen, ich könnte sagen photographieren, aber jede Photographie ist mehr oder minder eine Karikatur, und ich will nicht karikieren, sondern porträtieren, getreu, ohne jede Übertreibung, also auch nicht idealisieren.
Haben Sie schon eine böhmische Köchin gesehen? Ich zweifle nicht, daß Sie in Wien dazu Gelegenheit gehabt haben. Wenn Sie also eine böhmische Köchin gesehen haben, so fragt es sich nur noch, ob Sie ein gutes Bild des polnischen Freiheitshelden Thaddäus Kosciuszko gesehen haben? Ja? Gut.
Also stellen Sie sich recht lebhaft eine böhmische Köchin mit einem weiblichen Kosciuszkokopf vor, und Sie haben das Bild meiner Heldin.
Das Charakteristische an der Gestalt einer böhmischen Köchin ist die Entwicklung der Hüften und der Büste im Geschmack von Peter Paul Rubens. Norddeutschen, welche, durch die holbeinischen Formen ihrer Frauen verführt, die Nymphen, Bacchantinnen und Göttinnen des großen Niederländers für Übertreibungen ansehen, empfehle ich das Studium böhmischer Köchinnen.
Kosciuszko war nicht schön, aber gerade die starken Backenknochen, die kleine aufgeworfene Nase, der Negermund mit den wulstigen Lippen trugen nicht wenig dazu bei, den imponierenden Ausdruck von Kühnheit, Leidenschaft und Genie, welcher vorzüglich in seinen dunklen Augen lag, zu erhöhen. Solange die Jugend und ihre Frische unsere Heldin verklärten, war sie trotz einer gewissen Plumpheit der Gestalt und der harten Gesichtsbildung sogar verführerisch, und ihre kolossalen Reize unterwarfen ihr mehr als einen Mann.
In dem Maße, als sich ihr großes dramatisches Talent entwickelte und ihr Organ seine Sprödigkeit verlor, stieg ihr Ruf als Künstlerin; dies ist sehr einfach und natürlich.
Aber unsere Heldin war mit dieser natürlichen Entwicklung nicht zufrieden.
Zum Überfluß gastierte damals die Rachel in Deutschland. Fortan beschäftigte sich Fräulein Kosciuszko mit dem Gedanken, die deutsche Rachel zu werden, eine dominierende Stellung auf dem deutschen Theater einzunehmen.
Der Mangel an Zentralisation in jeder Richtung macht jedoch die Ausführung einer solchen Idee in Deutschland ungleich schwieriger als in Frankreich.
Die Rachel reüssierte in Paris, sie siegte im Théatre Français über alle Nebenbuhlerinnen, und fortan regierte sie das Reich der Bühne unumschränkt; um in Deutschland dieselbe Stellung einzunehmen, genügte es nicht, in München, Dresden oder Berlin zu triumphieren, ja nicht einmal, Regentin des Wiener Burgtheaters zu sein; unsere Heldin beschloß daher, im Gegensatz zu allen früheren großen Schauspielerinnen Deutschlands, fortan kein festes Engagement anzunehmen, sondern von Stadt zu Stadt zu ziehen, überal zu spielen, soweit die deutsche Zunge klingt, und so endlich ganz Deutschland vor ihren Triumphwagen zu spannen.
Und es gelang ihr... ihr Genie, ihre Kunst und ihre Reklame besiegten alle Schwierigkeiten.
Sie leitete selbst die Proben, sie arrangierte selbst ihre originellen Toiletten und fand daneben noch Zeit, den letzten Reszensenten in seiner Dachstube aufzusuchen; sie schrieb, nachdem sie den Abend gespielt, selbst Berichte für einige Dutzend Blätter, und wo die Schauspielerin keinen vollständigen Sieg erringen konnte, wo Reklame und Bestechung scheiterten, dort zahlte das üppige Weib mit seinen Reizen.
Aber es kam eine Zeit, wo die Üppigkeit zur Unförmigkeit zu werden drohte, wo das schöne blaue Auge seinen Glanz verlor. Man sah das Weib altern und begann die Künstlerin weniger interessant zu finden.
Fräulein Kosciuszko hatte eben in der nordischen Metropole eine unangenehme Erfahrung gemacht; sie glich einer Furie, als wir uns kurze Zeit darauf in einer durch ihre schöne landschaftliche Lage berühmten süddeutschen Stadt trafen und sie mir die fatale Geschichte augenrollend, von Zeit zu Zeit die Zähne bleckend und die Fäuste ballend, erzählte.
Ich hatte in diesem Augenblick den Eindruck, eines jener dämonischen Weiber zu sehen, welche die Sklavenpeitsche und das Beil des Henkers ebenso zu handhaben verstanden als Blick und Fächer, und ich muß gestehen, wenn Fräulein Kosciuszko nicht die Brille auf der aufgestülpten Nase getragen hätte, diese Dämonie ihrer Natur hätte mich reizen können, und diese Dämonie war es ja auch, der unsere Heldin vorzüglich ihre Erfolge auf der Bühne zu danken hatte.
Nach dem Vorfalle im nordischen Athen hatte die berühmte Tochter der Reklame sofort begriffen, daß es jetzt weniger galt, für ihr Genie und ihre Kunst als für ihre Schönheit, ihre Reize, Reklame zu machen; und als sie dies begriff, war sie sofort entschlossen, einen Coup zu wagen, je frecher und beispielloser, umso besser.
Sie trat auf dem Stadttheater auf, und der Zufall wollte, wenn es überhaupt ein Zufall war, daß die Rolle ihr ein sehr kleidsames Kostüm erlaubte, das ihre Überfülle als reizende Üppigkeit erscheinen ließ, das sie um zwanzig Jahre verjüngte und die häßlichen Härten ihrer Züge in pikante Originalitäten verwandelte.
Im Parkett in der ersten Reihe der Sperrsitze saß ein Leutnant, jung, schön, elegant, gebildet, Kavalier und Schöngeist.
Von der diabolischen, häßlich schönen, majestätisch wollüstigen Erscheinung der Künstlerin frappiert, gefesselt, verfolgte er dieselbe vom ersten Auftreten bis zum letztmaligen Fallen des Vorhangs mit seinem Auge.
Fräulein Kosciuszko entging der Eindruck nicht, den sie auf den jungen Offizier machte; sie fragte schon im zweiten Akte um seinen Namen und seine Verhältnisse, und im dritten erwiderte sie seine schwärmerischen Blicke mit ihrem dämonischen Blitzen; die berühmte Tragödin, das gefeierte Weib, kokettierte mit einem jungen, unbedeutenden Menschen... war es nicht natürlich, daß dies genügte, denselben in Flammen zu setzen, und erst, als das Spiel ihrer Augen bemerkt wurde, als man dem Offizier halb bewundernd, halb neidisch Glück wünschte zu der ungewöhnlichen, unglaublichen Eroberung, mußte der gute Junge nicht berauscht werden, nicht toll vor Eitelkeit und Leidenschaft?
Und er wurde wirklich liebeskrank bis zum Wahnsinn, und in diesem Wahnsinn schrieb er noch dieselbe Nacht ein glühendes Billet an die Tragödin, er phantasierte in demselben Durcheinander von ihrem Genie, von ihrem "erhabenen Berufe", ihrer antik-plastischen, tizianisch herrlichen Gestalt, ihrem gebietenden Blick.
Die Künstlerin erhielt diese wohlgemeinte Hymne eines jugendlichen, begeisterungsfähigen Herzens, als sie eben in einer schmierigen Nachtjacke, das Haar in Papilloten aus Fetzen von Theaterzeitungen gewickelt, beim Frühstück saß; sie setzte ihre Brille auf die Kosciuszkonase, las und lächelte.
Mit kalter Selbstsucht, mit feinster Berechnung, entwarf sie ihren Plan; er war empörend, aber er bot, was sie brauchte, Reklame für ihre Reize, und sie besann sich also keinen Augenblick; ohne nur das mindeste Mitleid mit ihrem Opfer zu fühlen, ging sie rasch und mit unglaublicher Frechheit an die Ausführung des Anschlages, ja, sie legte ihre Schlingen mit einer Art teuflischer Freude an der Sache, welche ihr Unterhaltung versprach, eine ähnliche Unterhaltung, wie die der Vestalinnen, wenn sie im Zirkus in dem Augenblicke, wo der besiegte Gladiator, in die Knie gesunken, Gnade von ihnen erflehte, den Daumen umdrehten und das Signal gaben, ihn zu schlachten.
Sie beantwortete den Brief des begeisterten Leutnants nicht, aber sie kokettierte an dem Abend, wo sie ihre zweite Gastrolle spielte, noch herausfordernder mit ihm.
Er schrieb einen zweiten, einen dritten Brief, den ein Bukett begleitete, und er sprach von einer Leidenschaft, die ihm das Leben kosten werde.
Unsere Heldin antwortete nur mit wenigen Worten; sie nahm seine Huldigungen gnädig entgegen; sie erlaubte ihm, für sie zu schwärmen.
Dies war schon mehr, als der Enthusiast in Leutnantsuniform erwartet hatte; es überstieg seine kühnsten Hoffnungen.
Er schreib, nun kühner geworden, er wage es, von ihrem Besitze zu träumen, er könne nicht glauben, daß sie von seiner anbetenden Liebe ungerührt bleiben könne, wenn er erst das Glück hätte, sie zu sprechen. Er bat um eine Unterredung.
Fräulein Kosciuszko überlegte lange.
Sie bewilligte endlich, aber sie verbot ihm, in ihrer Wohnung zu erscheinen, denn sie fürchtete, ihre Erscheinung außerhalb der Bühne könnte den Schwärmer viel zu früh ernüchtern. Sie befahl also dem jungen Offizier, sie nach der Vorstellung an dem Hinterpförtchen des Theaters zu erwarten.
Der arme Enthusiast befand sich von dem Empfange ihrer zustimmenden Zeilen bis zu dem letzten Aktschluß des Stückes in einer Art Delirium; er war unfähig, die "Herrin seines Lebens" anzusehen, unfähig, Beifall zu klatschen, ja nur ein Bravo aus der Kehle zu bringen; er war mehr tot als lebendig.
Als die Tragödie - es war "Deborah" - zu Ende war, das zahlreiche Publikum das Theater verlassen hatte, die enge Gasse hinter demselben menschenleer war, erschien unser Leutnant in seinem Mantel gewickelt, an dem bekannten engen Pförtchen.
Vor demselben stand ein Wagen, es war der Wagen der Künstlerin.
Nach einer Weile kam die Duenna der Tragödin und befahl dem Fiaker, davonzufahren und auf dem nächsten Platze, auf dem das Gäßchen mündete, zu halten.
Dem Leutnant pochte das Herz.
Der Wagen fuhr im Schritt davon.
Es verging eine Stunde, endlich knarrte das Pförtchen von neuem, und eine hohe, majestätische Frauengestalt, dicht verschleiert, stieg die wenigen Stufen herab.
In demselben Augenblick lag der Enthusiast vor ihr auf den Knien, und als sie ihm die Hand reichte, bedeckte er erst den Handschuh mit Küssen, dann schob er den weiten Ärmel ihres Samtmantels zurück und preßte seine heißen Lippen auf den vollen schönen Arm der Schauspielerin; sie lächelte, sie flüsterte ihm einie süße, glückverheißende Worte zu, aber sie dachte nicht daran, ihn aufzuheben.
Der Offizier sprach von seiner Liebe, seiner Anbetung, sie hörte ihn mit sichtlichen Vergnügen an und sagte endlich: "Auch Sie haben einen Eindruck auf mich gemacht, ich kann es nicht leugnen."
Nun stieg die Leidenschaft des jungen Schwärmers auf das Höchste und er hatte die Kühnheit, Fräulein Kosciuszko um ein Rendezvous zu bitten.
"Ich selbst würde wünschen, eine Stunde mit Ihnen zu plaudern", sagte die Schauspielerin, "aber wo könnte dies sein?"
"Bei mir", wagte der Leutnant zu sagen, welcher endlich an das Pflaster anzufrieren fürchtete und sich daher erhob.
"Unmöglich!" rief die Heldin beinahe entrüstet, mit der Geste einer Monarchin.
"Wo also?"
"Ja, wo?" flüsterte sie. Sie schien nachzudenken. "Oder besser gesagt, wann? Sicher sind wir nur bei mir, aber es bleibt nichts übrig, sie müssen nachts kommen."
Der arme Schwärmer begann vor Seligkeit am ganzen Leibe zu zittern.
"Übermorgen", fuhr unsere Heldin fort, "nachdem ich gespielt habe, aber Sie müssen jedes Aufsehen vermeiden. Trachten Sie vorher schon unbemerkt in mein Hotel zu gelangen, und Schlag Mitternacht klopfen Sie leise an meine Tür. Ich werde Sie hören und Ihnen sofort öffnen."
Der Offizier stammelte Wrote des Dankes, der Seligkeit; die alternde Schauspielerin lächelte, aber er sah dies seltsame, höhnische Lächeln nicht, er fühlte nur ihren vollen Arm, der sich an seine Seite legte, als sie den seinen nahm und mit ihm durch das Gäßchen schritt.
An der Ecke verabschiedete Fräulein Kosciuszko ihren Anbeter und eilte dann rasch zu ihrem Wagen; sie wackelte dabei wie eine Ente, aber dem schöngeistigen Leutnant schien dieser Gang das Ideal eines majestätischen Ganges.
Zwei Tage gespannter Erwartung von Seiten des herzlosen Weibes, das die Schlinge gelegt hatte, wie von jener des armen Opfers, das sein Glück nicht erwarten konnte.
Es kam der Abend, wo der kecke Streich ausgeführt werden sollte.
Unsere Heldin spielte die Königin Elisabeth im "Essex"; es schien, als wollte sie sich in die grausame Natur dieses herzlosen Weibes so recht hineinleben und dann die Rolle in ihrem Schlafgemach weiter spielen.
Sie kam eine Stunde vor Mitternacht nach Hause, soupierte mit dem besten Appetit von der Welt das Souper eines Gourmands, trank Champagner, machte eine raffinierte, durchsichtig weiße Nachttoilette, und nachdem sie noch ihr Haar in prächtiger Auflösung arrangiert hatte, schickte sie ihre Duenna fort, schnit die Schnur ihrer Glocke durch und erwartete, eine Zigarette rauchend, ein böses, verächtliches Lächeln um die Lippen, ihren Anbeter.
Es schlug Mitternacht.
Noch ein Augenblick, dann klopfte es leise. Die Schauspielerin verlöschte die Kerzen, nur das Nachtlicht durfte brennen, und öffnete.
Der Offizier trat über die Schwelle der berühmten Künstlerin und sank anbetend vor ihr nieder; sie zog ihn rasch empor an ihre wogende Brust und begann ihn zu küssen, wild, dämonisch, wie sie zu spielen pflegte, in dem Augenblick aber, als er sie berauscht umschlang, fühlte sich der Schwärmer von den kräftigen Armen der Schauspielerin gepackt, an die Wand gedrängt, und Königin Elisabeth begann, indem sie ihrem Günstling die Kehle zuschnürte, laut um Hilfe zu rufen.
"Mein Gott! Was fällt Ihnen ein!" stammelte der Offizier.
Indes wurde das ganze Hotel lebendig, Schritte näherten sich der Tür der Künstlerin.
"Lassen Sie mich los, Sie bringen mich um Ehre und Leben", flehte der Offizier.
Die Schauspielerin antwortete mit neuen Hilferufen.
Fremde, die in dem Gasthofe eingekehrt waren, die Kellner, die Zimmermädchen stürzten mit Lichtern herbei und wurden zu Augenzeugen der unerhörten Szene: ein junger Leutnant gefangengenommen von einer sehr reifen Schönen, auf die er ein frevelhaftes Attentat versucht hatte.
So erzählte wenigstens tags darauf die schöne Welt, ja die ganze Stadt.
Die Künstlerin schrieb an den kommandierenden General eine heftige Epistel, sie verlangte Genugtuung, sie verlangte für den frechen Beleidiger ihrer Tugend eine exemplarische Züchtigung, sie drohte it der gesamten Presse Deutschlands. Die Genugtuung blieb nicht aus.
Der junge Offizier, gebrandmarkt, entehrt, lächerlich geworden, erschoß sich wenige Stunden nach der Katastrophe.
Fräulein Kosciuszko feierte den höchsten Triumph; das war noch mehr, als sie gehofft hatte, als in ihrem Plane lag.
Eine Woche später ging durch alle deutschen Blätter die Sensationsnachricht, daß ein junger, schöner, geistreicher Offizier durch die Reize der berühmten Tragödin seinen Verstand so vollkommen verloren habe, daß er, als sie seine Huldigung abgewiesen, ein gewalttätiges Attentat versucht, und nachdem dasselbe, trotzdem ihre Duenne, von ihm bestochen, die Glockenschnur durchgeschnitten, mißlungen, sich aus Verzweiflung darüber das Leben genommen.
Die Reklame war grausam, aber wirksam.
Es gibt heute noch Leute, welche glauben, daß unsere Heldin eine der schönsten und gefährlichsten Frauen Deutschlands ist.